Stoßgebet an Sankt Markus

Von drauss´ vom Lidel komm ich her;
Ich muss Euch sagen, es gibt nicht mehr!

Überall auf den Regalspitzen,
sah ich kleine Corona-Viren sitzen;

Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen Sankt Markus hervor,
und wie ich so strolcht´ durch den finstern Tann,
da rief er mit lauter Stimme mich an:

„Klopapier, Mehl und Kartoffelknollen
Sollst schleunigst Du nach Hause rollen.
Du, guter Franke, spute dich sehr!
Sonst gibt es bei HEDEKA auch nichts mehr!

Der Lockdown kommt wieder, es wird höchste Zeit!
Drum, lieber Bürger, mach´ dich bereit!
Denn morgen flieg´ ich noch schnell nach Berlin,
zum Tete-á-tete mit der Kanzlerin.“

Ich sprach: „O, Herr Ministerpräsident,
meine Nerven sind komplett am End;
Mir fehlt die Musik, der Geist, die Kultur!
Vom Ende des Horrors – keine Spur!“

„Hast du den Mundschutz auch bei dir?“
Ich sprach: „Der Mundschutz, der ist hier:
Denn Schutz im Theater und Abstandsgebot
tun für uns Künstler genauso Not.“

„Hast du den Schnelltest auch bei dir?“
Ich sprach: „Der Schnelltest, der ist hier:
Wir haben stets ein Auge drauf,
drum mach´ die Bühnen wieder auf!“

Sankt Markus sprach: „So ist es recht;
So sing mit Gott, mein treuer Knecht!
Ohne Musik ein Weihnachtsfest
Ist arm und gibt auch mir den Rest!

Ein Hygienekonzept muss aber sein,
denn schließlich will ich ins Kanzleramt rein.“

Katrin Küsswetter frei nach „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm (1817-1888)